Singapur ist eine Stadt der Superlative. Eine Glitzerstadt im wahrsten Sinne des Wortes.

Alles, was hier gemacht wurde, wurde einfach beeindruckend gut umgesetzt. Die moderne Architektur, die großartigen Museen und die Stadtplanung lassen kaum Wünsche übrig. Fast schon grenzt die Stadt an Perfektion – eine urbane Utopie. Eine Großstadt, wie sie wohl sein sollte.

Für Besucher gibt es viel zu entdecken: und zwar nicht nur Singapurs Bankenviertel mit der berühmtem Skyline. Die Finanzmetropole hat noch viel mehr zu bieten als beeindruckende Hochhäuser. Da wäre das farbenfrohe Little India, in dem Bollywoodmusik aus den Geschäften tönt, bunte Hindutempel gen Himmel steigen und der würzige Duft von heißem Chai mit Zimt und Kardamom in der Luft liegt. In China Town laden bunte Straßenmärkte zum Bummeln ein,  traditionelle, aufwändig restaurierte Geschäftshäuser bestimmen das Straßenbild, viele chinesische Tempel wollen besichtigt werden. Der größte und imposanteste von ihnen beherbergt einen Zahn des Buddha – eine der wichtigsten Reliquien im Buddhismus.

Kampung Glam, das arabische Viertel, hat sich zum Hipsterviertel gemausert. Coole Streetart und kalte Cocktails ziehen eine modebewusste Klientel an. Falafel und Kebab sorgen für das leibliche Wohl.

Die Flusspromande ist ein beliebter Ort für lange Spaziergänge und ein kühles Feierabendbier.

Singapur hat nicht nur extrem viel zu bieten, das meiste ist auch noch fußläufig zu erreichen. Ganze 9 Tage waren wir in Singapur unterwegs und sind fast jeden Tag knapp 20 Kilometer gelaufen – kein Problem mit unseren Tarasoles mit Asphaltsohle. Wir sind am liebsten zu Fuß unterwegs, denn gerade auf dem Weg zwischen zwei Sehenswürdigkeiten findet doch auf Reisen das wahre Leben statt. Das Authentische, das „Dazwischen“, das man verpasst, wenn man sich mit dem Taxi von A nach B fahren lässt.

Bei unseren zahlreichen Streifzügen durch Singapur haben wir uns ein ganz eigenes Bild gemacht. Singapur ist schön, modern, sauber, effektiv, sicher. Alles läuft hier rund, ist perfekt organisiert. Es gibt kaum Verzögerungen. Und wenn doch, werden sie mit stoischer Ruhe hingenommen.

Vieles wurde hier richtig gemacht. 90% der Bewohner leben im Eigenheim – Dank einer staatlichen Bauinitiative. Nicht zu vergleichen natürlich mit unseren Sozialwohnungen. In Singapur gewinnen die damit Designerpreise.

Öffentlicher Wohnungsbau auf ganz hohem Niveau.

Der Verkehr ist mäßig, die Anzahl der Autos staatlich begrenzt. Die Neuzulassung von Autos wurde gestoppt und die Gesamtzahl der Zulassungen wird nun regelmäßig gesenkt, bis die Stadt 2040 autofrei sein soll. Natürlich kein Problem bei dem nahtlosen öffentlichen Nahverkehr und der Größe des Landes.

Die Menschen hier sind reich. Das Leben findet in den sehr vielen Einkaufszentren der Extraklasse statt. Expats fahren mit dem E-Scooter am Fluss entlang ins Bankenviertel.

Der schönen Ordnung wurde die persönliche Freiheit geopfert. Überwachungskameras und Verbotsschilder mit exorbitanten Strafgeldern plakatieren die Stadt.

Die Lebensqualität ist hoch, man ist schnell in der Natur. Überall gibt es Parks und Gärten. Man kann stundenlang auf Wanderwegen durch die fast 6-Millionen-Stadt spazieren und läuft von einem Park nahtlos in den nächsten. Otter, Warane und sogar Primärregenwald mit beeindruckenden Baumriesen findet man mitten in der Stadt. Singapurs Botanischer Garten zählt zum Unesco Weltkulturerbe. Gerade wird der „Coast to Coast Trail“ fertiggestellt. Ein Wanderweg durch den „Green Corridor“, der auf 36 km Singapurs Ost- und Westküste verbindet.

Kunst und Kultur sind wichtige Bestandteile des Lebens. Vieles ist kostenlos. In Bildung werden hohe Summen investiert.

Doch die Menschen kleben unglaublich an ihren Handys. Pausenlos: beim Gehen, Essen und Reden wird auf den Bildschirm gestarrt. Der total ordnungsgemäße Verkehr fordert es aber auch nicht, sicherheitshalber doch mal beim Überqueren der Megakreuzung hoch zu gucken.

Und ich habe viel Verständnis. Eine wichtige E-Mail lesen, noch schnell eine Nachricht beantworten. Aber in dem kurzen Moment zwischen Aussteigen aus der U-Bahn und Betreten der Rolltreppe, Stau und Chaos zu verursachen, weil man im Onlineshop die Bluse jetzt noch ganz dringend aus der 12. Perspektive betrachten muss – da hört das Verständnis bei mir tatsächlich auf. Und das ist aber einfach völlige Normalität in Singapur. Konsum und Shopping als Lebenselixier.

In der U-Bahn waren wir dann immer diejenigen, die Schwangeren oder Alten den Platz angeboten haben, weil die Singapurer auf den reservierten Plätzen so in ihre Handys vertieft waren, dass sie gar nichts mehr von der Außenwelt mitgekriegt haben. Einheimische ansprechen (Kann ich mal kurz durch?) kann man meist vergessen. Die kabellosen Kopfhörer und das Handy machen jegliche Kommunikation unmöglich.

Im Kontrast zu den sehr gut verdienenden Singapurern, steht eine Schar ausländischer Arbeiter, die die Stadt am laufen halten und alles erledigen, was nicht in und aus Büros heraus erledigt werden kann (Viele einfache Arbeiten sind tatsächlich aber schon von Maschinen übernommen worden: Bestellungen aufnehmen, kassieren etc.).

Agenturen organisieren Kindermädchen und Haushälterinnen aus Indonesien, den Philippinen, Thailand, Malaysia und Indien – je nach Wunsch. Männer aus allen Ecken Asiens malochen hier, um Geld nach Hause zu Frau und Kindern zu schicken. Manch einer zehn Jahre, andere ein Leben lang. Manch armer Teufel spart sogar am eigenen Essen, um so viel Geld wie möglich nach Hause schicken zu können. Arbeiter, die nach einem harten Tag nur trockenen Reis mit Chilipulver essen, sieht man regelmäßig. Für mich die wahren Helden dieser Stadt.

Und so perfekt Singapur auch scheinen mag – hoffe ich nicht, dass die Stadt weltweit als Vorbild gesehen wird – wirtschaftlicher Erfolg hin oder her. Eine ganze Welt voller Singapurs wäre glaube ich keine schöne Welt.

Aber einen Besuch ist der kleine Streber auf jeden Fall Wert, dort wo Asien mal überhaupt nicht asiatisch ist.

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